Ein Vormittag im Webraum

Eines Morgens waren zwei Stunden Weben in der Klinik geplant: Um 9 Uhr zwei Mädchen, um 10 Uhr zwei Jungs. Die Mädchen waren brav am Arbeiten, da klopfte es um ½ 10 Uhr an der Tür, und ohne meine Antwort abzuwarten, polterten vier Jungs herein und verkündeten, dass sie jetzt weben wollen. Ich versuchte die Situation zu klären: Zwei der Jungs waren jene, die um 10 Uhr dran waren. Sie erzählten, dass ihre Gruppe auf Ausflug gehen wolle, und sie hatten gesagt, dass sie zum Weben müssen. Die Betreuerin hatte sie so früh geschickt, weil es keinen Platz gab, wo sie sich so lange hätten aufhalten können. Die anderen beiden hatten lauthals und überzeugend behauptet, auch sie wären zum Weben eingeteilt. Die Jungs hatten tatsächlich Anfang der Woche bei der Nachmittags-Webgruppe mitgemacht. Mir fiel ein, dass ich damals gesagt hatte, dass ich noch einmal kommen werde. Am Donnerstag als ich dann da war, waren die Jungs auf einer anderen Veranstaltung.  Nun gingen sie heute, am    Freitag, davon aus, dass ich auch für sie da sei.

Im  Nachhinein fand ich das logisch, wenngleich es mir einiges Kopfzerbrechen bereitete. Zurückschicken war nicht möglich, die Gruppe hatte sich bereits auf den Ausflug begeben. Und das in meinem kleinen Raum, der für maximal drei Kinder geeignet ist, dazu der chronische Mangel an freien Webgeräten! Das eine Mädchen war  selbstständig, um sie musste ich mich nicht sehr kümmern. Mit der anderen beschäftigte ich mich noch so lange, bis ich sie mit gutem Gewissen etwas vorzeitig  in die Gruppe bringen konnte. Der souveräne Leo hatte sich schon mit seiner angefangenen Webarbeit an die Kommode gestellt. Er gab mir auch den    guten Tipp, dass ich doch in meinem Schrank noch einen Miniwebstuhl für kleine Kinder hätte. Den bekam Hendrik. Die selbständige Svenja war inzwischen gegangen, und am Webtisch nahmen Karl und Tim Platz. Auch das Spinnrad kam zum Vergnügen der Jungs zum Einsatz. Auf einmal hatte sich alles entspannt. Die Kinder waren eifrig am Arbeiten.

So  überlegte ich, wie ich die Situation    abrechnungstechnisch löse, denn es hatte sich eine Verquickung von  Therapie und Freizeitarbeit ergeben, die einen verschiedenen Status haben. Ich kam auf die Idee, noch eine Stunde anzuhängen. Die erste Stunde zählte  als Therapie für die angemeldeten Jungs, die letzte Stunde als Freizeitarbeit für die anderen. Als ich den Jungs die Verlängerung ihres Aufenthaltes um eine Stunde verkündete, quittierten sie das mit  lautem Johlen und Klatschen, so wie man heutzutage seine Begeisterung kundtut. Das war eine typische Situation, wie sie sich oft am Ende der Kur, wenn sich die Attraktivität des Webens herumgesprochen hat, ergibt: Ich treffe ständig auf Kinder, die nur noch eins wollen: Weben. Ich kann nicht sagen: Kinder weben gern, sondern: Kinder wollen weben! Sie sind wild darauf, und ich bin immer wieder beeindruckt, mit wie viel Initiative und Kreativität es ihnen gelingt, Wege zu finden, wie sie mich erreichen, um einen Platz am Webrahmen zu erobern.

 

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