„Soll ich für mein Kind einen Webrahmen anschaffen?“

Aussprüche wie: „So´n Ding möcht ´ich auch haben“ oder „Das wünsche ich mir zu Weihnachten“, habe ich in vielen Varianten gehört. Wenn die Mütter erleben, mit welchem Enthusiasmus ihre Kinder über längere Zeit arbeiten, möchten sie oft sofort einen Webrahmen anschaffen.

In den wenigsten Fällen kann ich dazu raten. Als erstes frage ich die Mütter, ob sie die Zeit finden, entweder einen Webkurs, falls z.B. an einer Volkshochschule einer angeboten wird, zu absolvieren oder ob sie praktisch so patent sind, dass sie nach wenig  Anleitung in der Lage wären, die Fäden  auf den Webrahmen zu bringen. Selbstverständlich in guter Spannung, denn nichts schreckt die Kinder vom Weben so ab wie ein schlecht vorbereiter Webrahmen.

Man muss bedenken, dass der Enthusiasmus der Kinder selten über längere Zeit anhält, wenn nicht die entsprechende Anleitung dabei ist.  Wenn man die ca. 150 € für einen guten Webrahmen ausgibt, sollte man sich überlegen, ob nicht mehrere Kinder, z.B. in Kinder/Geschwister/Freundeskreisen daran weben können.

Ich erlebte schon Frauen, die tatsächlich mit wenig Anleitung zum Einrichten eines Webrahmens in der Lage waren – es sind aber Ausnahmen. Ich erlebte auch Kinder – in der Regel waren es Jungen -, die so einen Enthusiasmus für das Weben an den Tag legten, dass sich für sie allein  die Anschaffung eines Webrahmens gelohnt hätte. Von einigen werde ich noch berichten.

Dreißig Streifen!

Die 6-jährige Nina wollte, anders als viele gleichaltrige Kinder, nicht möglichst schnell ein fertiges Stück bekommen, sondern sie wollte in drei Stunden so lang und so viele Streifen wie möglich weben. So webte sie ausdauernd einen Streifen neben den anderen, und als wir nach drei Stunden ihre Decke aus dem Webrahmen schnitten, zählten wir, dass sie dreißig Streifen gewebt hatte! Nina, gerade in die Schule gekommen, war mit den Zahlen noch nicht so vertraut, und so wiederholte sie immer wieder: „dreißig Streifen“. Später hörte ich noch auf dem Flur, wie sie immer wieder vor sich hin murmelte: „Dreißig Streifen!“

 

Das originellste Webstück

ist zweifellos der Rattentunnel. Da man Gewebe recht gut auf Wellpappe nähen kann, sind also auch dreidimensionale Produkte möglich.  Ein Mädchen, das zu Hause Ratten als Haustiere hatte, bestand trotz meiner Skepsis, ob die Ratten ihn benutzen werden, auf der Herstellung dieses Rattentunnels, und da er so gut gelang, webte es  gleich noch eine Rattenhängematte dazu.

Webeifer

Der achtjährige Jan hatte sich vorgenommen, beim nächsten Mal eine besonders große deutsche Fahne auf dem breitesten Webrahmen zu weben. Vorsorglich bat er mich: „Wenn ich die Fahne nicht schaffe, möchte ich gern noch ein bisschen länger bleiben, bis ich sie fertig habe. Das hier ist ja nichts, wo man etwas machen muss und sich freut, wenn man fertig ist, das hier ist etwas, wo man sich freut, dass man es machen darf.“

Bevor es zur nächsten Webstunde kam, traf ihn das Missgeschick, dass er sich das Handgelenk brach. Als seine Geschwister es mir erzählten, dachte ich gar nicht weiter nach und bat sie, ihm auszurichten, dass ich Bescheid weiß, dass er nicht mehr zum Weben kommt. Bald darauf traf ich seine Mutter, und sie beschwerte sich: „Nun hat Jan sich schon die Hand gebrochen und jetzt darf er auch nicht mehr zum Weben kommen!“ Ich sagte, dass er selbstverständlich zum Weben kommen darf, aber ich sei der Meinung gewesen, dass es einfach nicht mehr ginge. Jan kam und webte nur mit der linken Hand auf dem breiten Webrahmen die Fahne, so wie er es sich vorgenommen hatte in ausgezeichneter Qualität. Und bleiben durfte er im Atelier so lange er wollte!

 

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Justin

Im vorigen Beitrag hatte ich geschrieben, dass Kinder zum Weben in der Regel Acrylgarn in grellen Farben bevorzugen. Aber es gibt Ausnahmen, und so eine Ausnahme war der 7-jährige Justin. Ein unauffälliger Junge, der nur durch seine eigenartigen Bemerkungen auffiel. So sagte er unvermittelt:  „Schafe sind nützlich!“ Ich fragte, wieso, und er sagte: „Weil man aus ihnen die Fäden zum Weben spinnen kann“. Ich sagte, dass das zwar stimme, aber dass gerade wir eine Menge anderer Fäden hier haben. Die Acrylfäden mit den knalligen und glänzenden Farben sind bei den Kindern sehr beliebt.

Justin sagte: „Ja, aber die Fäden von den Schafen sind anders, das fühlt man“. Ich sah mir erst jetzt seinen gewebten Stoff genauer an, der aus 8 Streifen (bei einer Auswahl von ca. 35 verschiedenen Farben, in verschiedensten Materialien und Stärken) bestand: Alle acht Streifen waren aus Wolle, farblich fein aufeinander abgestimmt! Ich zitterte bis zuletzt, was für ein Material er wohl für seinen letzten Streifen wählen wird, aber mit treffsicherem Blick entdeckte er noch eine rote Wollspule, die sich sehr schön an den letzten braunen Streifen anfügte.

 

Die Materialien

Als Kettgarn nehme ich elastisches Garn von guter Qualität: Baumwolle oder dünne, gezwirnte Wolle. Man kann Materialien mischen, aber nur so, dass sie gleichmäßig gemischt sind und annähernd eine gleiche Elastizität haben. Ein (glatter) Faden Baumwolle und ein (rauer) Faden Wolle abwechselnd hat sich bewährt, weil die Nachteile der Materialien (zu glatt – zu rau) sich aufheben.

Als Schussgarn kann man alles mögliche nutzen, auch Reste. Die Kinder lieben aber vor allem Acrylfasern in möglichst grellen Farbtönen. Beliebt sind die so genannten  Neonfarben.

Der Webrahmen

Das Webgerät ist ein Webrahmen mit Loch-Schlitz-Kamm. Der Webrahmen hat eine Halterung um den Kamm nach oben und nach unten zu stellen. In der Regel reicht eine Webbreite von 40 cm. Der Webrahmen soll auf einer genügend großen, stabilen Unterlage stehen, und so dass er beim Weben nicht rutscht.  Die KInder dürfen nicht zu dicht nebeneinander sitzen, damit sie sich mit dem Webschiffchen nicht behindern. Das Kind soll so hoch sitzen, dass es leicht von oben auf den Webrahmen schauen kann.

Erste Entwürfe

Beim ersten Weben sucht sich das Kind meistens eine Farbe nach seinem Geschmack aus und fügt dann einen farbigen Streifen an den anderen. Dabei entsteht oft die Vorstellung, wie das nächste Webstück gezielt gestaltet wird.

Deckchen in Blautönen entworfen und gewebt 2012 von Marie

 

Rote und gelbe Karte für´s Fußballspiel

 

Wenn ein  Kind nur kurze Zeit Gelegenheit hat zu weben, so gibt es als Endprodukt meistens ein Standartprogramm: Decke, Kissen, Tasche, Fahne, Wandschmuck.  Abgesehen davon, dass auch hierbei die Palette dessen, was entsteht, sehr breit gefächert ist, so haben die  Kinder selbst immer wieder sehr originelle Ideen, so auch diese von Julian:

Rote und gelbe Karte für den Schiedsrichter.

Auf Pappe kann man mit der Nähmaschine  gewebte  Stoffe gut aufnähen.