Abschied

Vielleicht hat dieser oder jener sich zu diesem kleinen Blog durchgearbeitet. Gern hätte ich weiter daran gearbeitet, aber der Blog kann nicht leben ohne die Hauptsache: die Abbildung webender Kinder. Ich habe gut 25 Jahre mit Kindern gearbeitet, habe die ausdrucksvollsten, lebendigsten Fotos, die man sich denken kann. Von Kindern, die weben und Kindern mit ihren Webstücken. Doch ich kann und will sie nicht ins Internet stellen.  So werde ich den Blog nicht weiter betreiben.

Zum „Abschied“ möchte ich aber noch einmal betonen, was für ein  unglaubliches Potential im Weben mit dem Webrahmen  mit Fachbildung   für die Arbeit mit Kindern steckt. Diese Arbeit ist aber nur möglich mit einem Minimum an Fachkenntnissen. D.h., man muss wissen, wie man die Kette auf den Webrahmen bringt und sie gleichmäßig spannt. Wer Interesse daran hat, kann sich gern an mich wenden.

Weben als Therapie

In meiner Arbeitsstelle wurde ein körperbehindertes Kind zum therapeutischen Weben angemeldet, Maria. Ein zartes, feines Mädchen mit langen blonden Engelshaaren und einem sanften Gesichtsausdruck. Sieben Jahre alt. Sie bewegte sich leicht hinkend und sehr tapfer mit ihrer kleinen Schiene am Bein.

Ich dachte: Damit ich mich ihr besonders widmen kann, werde ich ihr nur Einzelstunden geben. Beim Weben merkte ich, dass sie bereits gut therapiert worden sein muss, denn sie arbeitete aktiv mit, benutzte die rechte Hand gezielt als „Hilfshand“. Die Hand konnte die Webnadel schwach greifen und anschieben, aber es fiel ihr schwer, sie gerade zu führen.   Sie war still und wirkte ein wenig traurig auf mich. Ich wollte ein Gespräch anknüpfen. Ich fragte sie, ob es ihr hier gefällt. Sie sagte: „Das hast du mich voriges mal auch gefragt!“. Ich war verlegen und fragte weiter: „Hast du zu Hause Haustiere?“ Sie sagte: „Das hast du auch letztes mal gefragt!“ 

Mir fiel es wie Schuppen von den Augen: Ich behandele das sowieso schon oft therapierte Kind wie eine Therapeutin. Sie merkt das, und sie machte es mir klar.  Den nächsten Termin gab ich ihr mit einem anderen Mädchen zusammen. Ich behandelte sie wie ein Kind unter Gleichen, die alle, jeder auf seine Art, etwas Schönes herstellen. Ich gab ihr nur die nötigsten Hilfestellungen, und siehe da – sie war viel selbständiger. Sie kam dann noch einmal, diesmal sogar mit zwei Kindern zusammen. Ich merkte, dass sie sich freier und unbefangener fühlt.  Als ich sie fragte, was sie noch machen möchte, sagte sie, sie wüsste es nicht. Auf einmal war deutlich zu sehen, wie sie sich innerlich einen Ruck gibt,  ihre Schüchternheit überwindet, und sie sagte: „Oder ob ich auch eine Tasche machen kann?“ Selbstverständlich bekam sie noch eine wunderschöne Tasche fertig. Ihre Mutter erzählte, dass Maria sich um die Gestaltung der Tasche viele Gedanken gemacht hatte. Und dass sie sehr stolz wäre, dass sie dieses Ziel, das sie kaum für möglich gehalten hatte, erreicht hat. Ich habe von Maria eine Lehre erhalten: Nicht in diesen gewohnheits-  therapeutenmäßigen Ton verfallen. Der ein wenig vom Mitleid getragen ist, aber dem Kind nicht gerecht wird.  Gerade den behinderten Kindern das Gefühl geben, dass sie „gleich unter Gleichen“ sind, wo jedes seine besondere Art hat und in seiner besonderen Art respektiert wird.   

Sensibilität

Diese kleine Geschichte hängt nur mittelbar mit dem Weben zusammen, aber sie ist frisch erlebt und berührend. Ein 6-jähriger Junge war zum Weben gekommen, und weil er dabei nicht allein sein wollte, brachte er einen gleichaltrigen Freund mit. Ich beschäftigte mich auch mit diesem Jungen und hatte gerade ein paar Büschel gefärbter Schafwolle in der Hand. Der Junge hatte eine Assoziation: „Neulich habe ich gesehen, wie der ganze Himmel orange war. Das war so schön“. „Ja, da hat die Sonne die Wolken angestrahlt, das hat sicher schön geleuchtet“, antwortete ich. Er wiederholte noch einmal: „Das war so schön. Ich bin traurig geworden!“ „Ja, aber warum bist du denn traurig geworden?“ „Weil es so schön war“, antwortete er.

Im Webraum

Das Weben mit dem Webrahmen stellt keine hohen Ansprüche an die Atmosphäre des Webraums. Denn die Webutensilien schaffen die Atmosphäre selbst. Wichtig ist, dass das Kind genügend Platz und Bewegungsspielraum nach beiden Seiten hat.

Brasilienfahne

Fahnen werden, besonders in Zeiten von Sportgroßereignissen, besonders von Jungen gern gewebt. Nicht jede Landesfahne besteht aus drei Streifen, und so muss man sich immer wieder etwas einfallen lassen. Der gelbe Rhombus der Brasilienfahne ist in der „Tauchtechnik gewebt (d.h. der grüne Grund „taucht“ unter den Fäden des gelben Rhombus hinduch), und der mittlere blaue Ball ist ein Aufkleber.

Wieder ein Webfanatiker

Diese Episode ist so hübsch, dass ich sie aufschreibe, auch wenn sie keine Pointe hat: Die Mutter des  achtjährigen Cedrik kam bekümmert zu mir, um ihn für seine letzte Webstunde zu entschuldigen:   „Cedrik ging es heute Nacht so schlecht, ich kann ihn wirklich nicht schicken, aber nun liegt er im Bett und heult und tobt, weil das Weben ausfällt“.   Ich sagte: „Das ist überhaupt kein Problem. Sagen Sie ihm gute Besserung, und sobald es ihm besser geht, darf er noch einmal weben, und wäre es eine Stunde vor der Abreise“. Cedrik ging es auch bald wieder besser. Ich verabredete einen Termin zum Weben, und als ich ihn abholte, stand er schon an der Treppe und hüpfte wie ein Gummiball und sagte immer wieder: „Ich freu mich so!“

 

Paul hat autistische Züge und vermeidet jeden Blickkontakt.  Das Weben schien eine Art Erfüllung für ihn zu sein. Als er als 6-jähriger Junge zu mir kam, war er mir nicht aufgefallen. Als er drei Jahre später wieder hierher kam, hatte er sich schon sehr auf das Weben gefreut. Er hatte im Voraus ein Bild gezeichnet, das er weben wollte. Einen weißen Van mit dem Fahrer am Lenkrad. So wie jedes Detail waren ihm auch die beiden Leuchten wichtig. Das Grundauto samt Rädern webten wir in der bewährten „Tauchtechnik“ gemeinsam, den Rest stickte ich dazu. Paul konnte beim Weben aus sich heraus gehen, er sprach mit mir und schaute mich einige male fröhlich an.