Ein Schweinchen, das Glück brachte

Livia, ein temperamentvolles Mädchen,  zeigte mir in der Webstunde die Zeichnung eines Schweinchens, das ihre  Gruppenbetreuerin ihr gezeichnet hatte. „Ist das nicht süß! Ob man das auch weben kann?“

Wir versuchten es: die Zeichnung unter den Webrahmen gesteckt und in der bewährten „Tauchtechnik“ angefertigt, bei der die Fäden des Bildes hoch gehalten, und abwechselnd Grund und Bild gewebt werden. Heraus kam dieses Bild,   mit Stickerei komplettiert  und zu einem Kissen genäht.

Livia war vor Freude außer sich. Als sie mich zwischendurch sah, sagte sie: „Ich habe es immer bei mir, es ist so süß!!“

 

„Der Kamm ist nett“

Wenn ich Kinder ins Weben eingewiesen hatte, hörte ich oft einen Ausspruch in dem Sinne: „Wie funktioniert es denn nur, dass das Weben so schnell vorwärts geht?“ „Das liegt am Kamm“, erkläre ich dann. Ganz schlicht, aber dafür beeindruckend sagte ein Kind darauf: „Der Kamm ist nett!“

So zeige ich hier einen Kamm ohne das Gestell des Rahmens, der demonstriert, wie durch das Auseinanderziehen der Fadengruppen das „Fach“ entsteht, Voraussetzung für den schnellen Webvorgang.

Zur Verdeutlichung der Webtechnik sind die Fäden in den Schlitzen rot und die Fäden in den Löchern weiß. Die in den Löchern „eingeklemmten“ weißen Fäden sind „gezwungen“ der Bewegung des Kamms nach oben und nach unten zu folgen, so entsteht das Fach. Der Kamm ist wirklich nett.

Futter für die Tasche

Noah war es auch, der sich vorgenommen hatte, auf dem breitesten Webrahmen ein ganz besonders langes Stück zu weben, so lang, dass daraus eine Tasche entsteht, in die auch Schulhefter hinein passen. Er webte mit großem Eifer und Ehrgeiz. Sein Zwillingsbruder Dominik webte dagegen gemächlich. Aber immerhin, eine Tasche wurde es auch.

Später schnitt ich für Noah den tatsächlich sehr langen Stoff aus dem Webrahmen, und als er ihn erblickte, schien es einen Augenblick, er würde in Ohnmacht fallen. Ich sagte, mehr zu mir selbst: „Für so eine große Tasche ist der Stoff zu weich, ich werde ein Futter hinein machen“. Da tönte es aus Dominiks Ecke: „Mir sollen sie auch was zum Futtern in meine Tasche ´rein machen!“

„Das macht Spaß“!

„Das macht Spaß!“ der meist von mir gehörte Satz, wenn ich einem Kind das Weben gezeigt habe. Keine komplizierten Arbeitsgänge, dafür aber zwangsläufige Konzentration auf die Tätigkeit, und dazu sieht man in schneller Geschwindigkeit, wie vor den Augen etwas entsteht, was man selbst geschaffen hat. Diese Feststellung habe ich verschiedensten Variationen gehört, z.B. „ich könnte das den ganzen Tag machen“ oder „das ist gemein, dass ich nur drei mal kommen darf“. Einmal hörte ich aber nach Beginn des Webens etwas anderes: Noah sagte sofort: „Das macht keinen Spaß!“. Dann folgte eine Pause, bis er den Satz beendete: „…das macht SUPER-Spaß“!

Fahnen

Neben Decken, Kissen und Taschen   sind Fahnen die am meisten gewebten Produkte. Kaum ein Junge, der zum Weben eigentlich keine Lust hat, kann widerstehen, wenn man ihm anbietet, eine Fahne zu weben.  Entweder die Deutschlandfahne oder eine Fußballfahne für  jeden beliebigen Fußballclub. Oft sage ich Kindern, wenn sie ihr Webstück bekommen, dass es genau so ein Stück auf der Welt nicht noch einmal gibt, mit Ausnahme der Fahnen. Die haben Kinder in leichten Abänderungen noch sehr oft gewebt. Fahnen vieler Länder sind gewebt worden, zum Teil komplettiert durch Sticken, durch Spezialtechniken oder durch ausgedruckte Aufkleber.

 

 

Ein Vormittag im Webraum

Eines Morgens waren zwei Stunden Weben in der Klinik geplant: Um 9 Uhr zwei Mädchen, um 10 Uhr zwei Jungs. Die Mädchen waren brav am Arbeiten, da klopfte es um ½ 10 Uhr an der Tür, und ohne meine Antwort abzuwarten, polterten vier Jungs herein und verkündeten, dass sie jetzt weben wollen. Ich versuchte die Situation zu klären: Zwei der Jungs waren jene, die um 10 Uhr dran waren. Sie erzählten, dass ihre Gruppe auf Ausflug gehen wolle, und sie hatten gesagt, dass sie zum Weben müssen. Die Betreuerin hatte sie so früh geschickt, weil es keinen Platz gab, wo sie sich so lange hätten aufhalten können. Die anderen beiden hatten lauthals und überzeugend behauptet, auch sie wären zum Weben eingeteilt. Die Jungs hatten tatsächlich Anfang der Woche bei der Nachmittags-Webgruppe mitgemacht. Mir fiel ein, dass ich damals gesagt hatte, dass ich noch einmal kommen werde. Am Donnerstag als ich dann da war, waren die Jungs auf einer anderen Veranstaltung.  Nun gingen sie heute, am    Freitag, davon aus, dass ich auch für sie da sei.

Im  Nachhinein fand ich das logisch, wenngleich es mir einiges Kopfzerbrechen bereitete. Zurückschicken war nicht möglich, die Gruppe hatte sich bereits auf den Ausflug begeben. Und das in meinem kleinen Raum, der für maximal drei Kinder geeignet ist, dazu der chronische Mangel an freien Webgeräten! Das eine Mädchen war  selbstständig, um sie musste ich mich nicht sehr kümmern. Mit der anderen beschäftigte ich mich noch so lange, bis ich sie mit gutem Gewissen etwas vorzeitig  in die Gruppe bringen konnte. Der souveräne Leo hatte sich schon mit seiner angefangenen Webarbeit an die Kommode gestellt. Er gab mir auch den    guten Tipp, dass ich doch in meinem Schrank noch einen Miniwebstuhl für kleine Kinder hätte. Den bekam Hendrik. Die selbständige Svenja war inzwischen gegangen, und am Webtisch nahmen Karl und Tim Platz. Auch das Spinnrad kam zum Vergnügen der Jungs zum Einsatz. Auf einmal hatte sich alles entspannt. Die Kinder waren eifrig am Arbeiten.

So  überlegte ich, wie ich die Situation    abrechnungstechnisch löse, denn es hatte sich eine Verquickung von  Therapie und Freizeitarbeit ergeben, die einen verschiedenen Status haben. Ich kam auf die Idee, noch eine Stunde anzuhängen. Die erste Stunde zählte  als Therapie für die angemeldeten Jungs, die letzte Stunde als Freizeitarbeit für die anderen. Als ich den Jungs die Verlängerung ihres Aufenthaltes um eine Stunde verkündete, quittierten sie das mit  lautem Johlen und Klatschen, so wie man heutzutage seine Begeisterung kundtut. Das war eine typische Situation, wie sie sich oft am Ende der Kur, wenn sich die Attraktivität des Webens herumgesprochen hat, ergibt: Ich treffe ständig auf Kinder, die nur noch eins wollen: Weben. Ich kann nicht sagen: Kinder weben gern, sondern: Kinder wollen weben! Sie sind wild darauf, und ich bin immer wieder beeindruckt, mit wie viel Initiative und Kreativität es ihnen gelingt, Wege zu finden, wie sie mich erreichen, um einen Platz am Webrahmen zu erobern.