Schildkröten (Teil 2)

Das Foto der gewebten Schildkröte hing in unserem Webraum, und dieses Foto animierte weitere Kinder zum Weben einer Schildkröte

Schildkrötenkissen

Schildkröten (Teil 1)

Nur sehr wenige Kinder haben die Vorstellung, etwas Bildliches weben zu können. Der 10-jährige Tristan sagte sofort in der ersten Webstunde, dass er eine Schildkröte weben möchte. Bei den beiden Füßchen half ich, sie waren das Komplizierteste daran. DenKörper der Schildkröte webte Tristan ohne Schwierigkeiten.

Zwillinge

Zwillinge

Max und Paul

Max und Paul sahen sich nicht ähnlich und waren mit ihren knapp fünf Jahren eigentlich etwas zu jung für die Webtherapie. Trotzdem habe ich gerade von Max eine erstaunliche und effektive Lernmethode erfahren: Er wiederholte einmal laut und nachdrücklich alles was ich ihm beibrachte, und von da an „saß“ es perfekt. Wenn sich in seine Arbeitsweise ein Fehler eingeschlichen hatte, sagte ich ihm z. B.: „Du musst die Schlinge durchziehen!“ Er wiederholte: „Schlinge durchziehen!“ und von da an kam es nie mehr vor, dass er die Schlinge nicht durchzog. Diese Lernmethode hatte ihm sicher niemand beigebracht, sie kam aus ihm selbst und brachte ihm einen ungeheuren Vorteil seinem Bruder Paul gegenüber. Der war seinem Bruder Max gegenüber in vieler Hinsicht unterlegen und auch sonst für sein Alter unterentwickelt. Das Tragische an der Zwillingsbeziehung war, dass beide maßlos eifersüchtig aufeinander waren und keine Gelegenheit ausließen, ihre Rivalität auszuleben. Oft war es Paul, der damit anfing, denn Max ruhte in sich und hatte es „nicht nötig“ seinen Bruder zu provozieren. Ich hörte Dialoge wie: „Die Decke ist für meine Mama“ und prompt kam es vom Nebentisch: „Nein, das ist meine  Mama!“ Sie hielten sich in ihrem nutzlosen Streiten so lange auf, dass sie mit ihrer Webarbeit nicht     weiter kamen und besonders Paul nichts fertig bekam. Ich trennte die Zwillinge, so dass Max Gelegenheit zu kontinuierlicher Arbeit hatte, und Paul der aussichtslose Vergleich mit seinem Bruder erspart werden konnte.

 

Zwei mal Mar(c)(k)us

Zwei mal Mar(k)(c)us

Es ergab sich, dass zwei Jungs zum Weben kamen, die annähernd den gleichen Namen hatten: Macus Bath und Markus Baaß. Sie waren  beide 9 Jahre alt und gingen beide in die dritte Klasse. Vom Wesen hätten sie unterschiedlicher kaum sein können. Der eine Marcus war sehr ordentlich und höflich, ruhig und in sich gekehrt. Der andere Markus war renitent, laut  und aufgeregt. Beide kamen gut miteinander aus, man kann sagen, sie ergänzten sich. Da die Nachnamen fast gleich ausgesprochen wurden, nannte ich sie zur Unterscheidung: Marcus mit c und Markus mit k. Einmal machte ich die Bemerkung: „Ihr habt fast den gleichen Namen, seid gleich alt und geht in die gleiche Klasse!“  Nach einer Weile hörte ich den renitenten Markus sagen: „Und dann haben wir noch gemeinsam, dass wir beide gern weben!“

Ein Robbenkleid

Kleidung, Bettwäsche und Accesoires für Kuscheltiere sind beliebte Webobjekte. Lilly wünschte sich, etwas Wärmendes für ihre Robbe zu weben. Etwa die Hälfte des Stücks webte Lilly in normaler Leinwandtechnik, dann fertigte sie mit mir in Gemeinschaftsarbeit den großen Schlitz für den großen Robbenkopf. Lilly webte links und ich rechts und zwischen unseren Geweben blieb ein Schlitz. Zum Schluss webte Lilly noch einige cm in der gesamten Breite. Anfang und Ende des “Robbenkleides“ wurden mit Fransen befestigt.

Eine Bank voller Gewebe

 

Nach fast einem Jahr Pause möchte ich weiter, möglichst regelmäßig, über das Weben mit Kindern berichten. Zum Glück ruhte nur der Blog, Kinder haben auch in diesem Jahr fleißig gewebt. Und so möchte ich bei der Reanimation des Blogs eine Bank voller gewebter Sachen vorstellen: Handytäschchen, Kissen und Taschen. Auf den kleinen Zetteln sind Namen und Zimmernummern der Kinder verzeichnet, denn das Verwechseln von Webstücken  kann zu Turbulenzen führen.

 

Brüder

Eine Zeit lang arbeitete ich mit einer kleinen Gruppe von Kindern auf einer offenen Diele, wo uns jeder zuschauen konnte. Mir fielen zwei Jungs auf, die ab und zu an uns vorbei gingen, die aber keinesfalls wie potentielle Webinteressierte aussahen. Sie wirkten ein wenig wie Halbstarke. Der eine trug ständig eine Mütze tief über den Kopf gezogen, der andere hatte schwarz-hellblond gescheckte Haare. Das waren die Brüder Norman und René. Eines Tages trat Norman auf mich zu und fragte: „Was muss man tun, damit man bei ihnen weben darf?“ Ich fragte: „Was möchtest du denn weben?“, weil ich vermutete, er wolle eine bei den Jungs seines Schlages so beliebte Fußballfahne anfertigen. Mit einer fast verschwörerisch wirkenden Miene antwortete er: „Mein Bruder und ich wollen für jemanden ein Geschenk machen“. Ich versicherte ihm, dass ich beiden einen Platz reserviere, wenn die Gruppe wieder zum Weben zusammen kommt. Am Tag darauf traf ich Norman, und er kam wieder zu mir: „Ist es auch ganz sicher, dass wir beide weben dürfen? Müssen wir etwas dafür bezahlen? Können sie es so einrichten, dass unsere Mutter nicht sieht, dass wir weben?“    Er sagte, dass beide eine Tasche machen möchten, jeder eine andere.

Ich setzte die Brüder dann in eine unauffällige Ecke, erklärte ihnen die Technik und sagte, dass man für eine Tasche eine Stunde lang sehr zügig und ohne Pause weben muss. Da die Jungs schon größer waren, etwa zwölf und dreizehn Jahre alt, war das Weben kein Problem für sie. Sie arbeiteten eifrig und vertieft, beratschlagten eifrig, welche Farben die Mutter gern hat, und nach einer Stunde hatte jeder das Ergebnis, das er sich vorgenommen hatte. Später erzählte mir jemand, dass die Mutter der Brüder krank ist, und dass alle Mitarbeiter der Klinik gerührt davon waren, wie besorgt und liebevoll die beiden Jungs sich um ihre Mutter kümmern – Jungs, von denen man das auf den ersten Blick nie vermutet hätte.

Wandbehang unter dem Motto: „Inkonsequenz“

 

Als Timo anfing, wollte er eine Decke in mehreren mehrfarbigen Farbtönen weben. Nach einer Weile war es ihm zu langweilig. Er ließ ein  „Ohr“ – wie er es nannte – rechts und links stehen. Bald verlangte er, dass Fäden unabgewebt im Gewebe stehen bleiben. Nach einer Weile wurde ein Streifen mit handgesponnener Wolle gewebt, und zum Schluss ein glatter weißer Streifen und den ein von einer Postkarte ausgeschnittenes Pferd genäht wurde. Alles zusammen wurde zu einem Wandbehang gefertigt.

Ein „Dankeschön“ in der Weihnachtszeit

In einer Weihnachtskur trafen die Schwestern Anja und Sabina und die achtjährige Maxi aufeinander. Da sich die Kinder gut verstanden, und alle drei zum Weben eingeteilt waren, ließ ich sie nicht einzeln kommen, sondern zusammen. Man kann sagen: Die Kinder waren füreinander geschaffen, unzertrennlich. Sie waren ein lautes lärmendes Trio, in der ganzen Klinik berüchtigt, allgegenwärtig.   Im Stillen nannte ich sie „Die drei Furien.“ Anführerin der „Bande“ war eindeutig Maxi. Die beiden Schwestern, obwohl sie älter waren, verehrten sie, ahmten sie nach und waren bereit, ihr in allen Ideen zu folgen. Sie webten alle drei ausgesprochen gern, und das Weben hatte genau die Wirkung auf sie,   die man sich von einer Therapie  „Weben“ verspricht: Sie wurden ruhig, ausgeglichen, hatten Ideen und Erfolgserlebnisse. Beim Weben wurde   ununterbrochen geredet, was  der Konzentration und dem Arbeitseifer keinen Abbruch tat. Ihre fertiggestellten  Erzeugnisse brachte ich ihnen am letzten Abend der Kur.

Es herrschte eine gespenstische  Atmosphäre im Haus. Vor der Neujahrspause war die gesamte Klinik mit der großen Halle und dem langen Durchgang für die Renovierung eingerüstet und mit Stoffbahnen verhängt. Es gab schon kein richtiges Licht mehr, sondern alles war in eine schummrige Notbeleuchtung getaucht. Die Kinder empfingen mich in der Halle. Aus ihren gewebten rechteckigen Stoffen hatte ich ihnen einige hübsche Sachen genäht: Kissen und Taschen. Als Maxi die Dinge sah, brach sie in gellendes Geschrei aus: „Danke, danke, das haben sie aber schön gemacht!“ Ich sagte, dass sie sich selbst danken müsse, denn sie habe es doch gewebt, aber sie betonte noch einmal: „Nein, sie haben das so schön für uns fertig gemacht!“ Als ich die Klinik verließ, tönte immer noch das gellende „Danke, Danke!“ durch die düster  verhüllte Halle.